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10. Oktober 2007 | 19:00 Uhr
Mit Ausschnitten aus aktuellen Dokumentarfilmproduktionen, sowie die
Premiere des neuen Films von Michael Moore ("Bowling for Columbine",
"Fahrenheit 9/11"):
"Sicko"
produziert von Bob und Harvey Weinstein, USA 2007, 113 Min.
Zu Beginn des Kinos wurden Dokumentarfilme als Dreingabe vor oder
bei Mehrfachprogrammen auch nach dem Spielfilm dem erlauchten Publikum
"gereicht". Legendär die Wochenschauen, die mit
Nachrichtencharakter die Kinobesucher informierten oder auch
desinformierten, je nachdem, wer die Filme in Auftrag gegeben hatte. Zu
trauriger Bekanntheit brachten es die Kriegsberichterstattungsfilme
durch einen gewissen Alfred Hitchcock. Wirtschaftsfilme informierten im
Auftrag von Industriegiganten über entsprechende Branchen, natürlich
nicht ohne den Auftraggeber entsprechend ins Bild zu setzen. Von
"Schleichwerbung" oder "product placement" ahnte damals keiner etwas.
Hier wurde offen für den Auftraggeber unter dem Mantel der
wissenschaftlichen Betrachtung geworben.
Der politische Film Anfang der 70er Jahre brachte attraktive Dokumentationen z.B. über den "Mai ‚68" oder den Vietnamkrieg ins Kino, die attraktiv genug waren ein Publikum selbstständig und ohne Begleitung eines Spielfilms ins Kino zu locken. Filme wie "Septemberweizen" von Peter Krieg oder "Von Richtern und anderen Sympathisanten" von Axel Engstfeld oder der oscarprämierte Film über den ersten schwulen Bürgermeister in San Francisco "The Times of Harvey Milk" (wird demnächst mit Brad Pitt in der Hauptrolle als Spielfilm neu verfilmt) waren ebenso Kassenmagneten wie Thomas Carles Film über die Startbahn West "Fesseln spürt, wer sich bewegt". Legionen von werdenden Müttern und Hebammen pilgerten einst ins damalige Neu-Isenburger Olympia-Kino um "Der sanfte Weg ans Licht" über die bis dahin wenig bekannte Methode der sanften Geburt zu sehen. Auch dieser Film erlebt eine Renaissance und kommt als "Der lange Weg ans Licht" von Douglas Wolfsperger am 28. Februar 2008 ins Kino.
Während in den 80er und
Anfang der 90er Jahre der Dokumentarfilm ein Nischendasein im
Kinogewerbe fristete, schwingen sich inzwischen Produktionen aus dem
Naturfilmbereich oder der politischen Dokumentation zu bemerkenswerten
Besucherzahlen nicht nur in bundesdeutschen Filmtheatern auf. Gewaltige
Naturfilme untermalt mit symphonieorchestraler Filmmusik beherrschen
auf einmal Kinoleinwände vor einem Millionenpublikum und das nicht nur
in spezialisierten IMAX-Kinos, sondern in regulären Filmtheatern.
Filmtitel wie "Nomaden der Lüfte", "Mikrokosmos", "Deep Blue" sind auf
einmal ebenso in aller Munde wie Musikfilme wie über legendäre Musiker
wie die Rolling Stones, denen keine geringeren als Hal Ashby oder
jüngst Martin Scorsese ("Shine a Light") Denkmäler gesetzt haben.
Eine
kleine hessische Produktion von der Marburger/Frankfurter Regisseurin
Sung-Hyung Cho mit dem Titel "Full Metal Village" über das
landwirtschaftlich geprägten Dorf Wacken und seine Bewohner in
Schleswig-Holstein, in dem alljährlich ein "Heavy Metal"-Musikfestival
stattfindet, fand zunächst nur schwer den kleinen Filmverleih.
Inzwischen hat dieser Dokumentarfilm aber bereits das Einspielergebnis
von eine Million Euro überschritten. Inzwischen mit vielen Film- und
Festivalpreisen (Hessischer-, Schlesweig-Holsteinischer- und
Gilde-Filmpreis der Programmkinobetreiber als bester Dokumentarfilm)
überschüttet begründet gerade dieser Film viel Hoffnung für das Genre.
Das
neue Jahrtausend markiert im Dokumentarfilmbereich eine Wende, wenn
Spielfilme zunehmend auf Dokumentarfilmmaterial vertrauen und einbauen,
statt selbst zu inszenieren. Filme wie der aktuell in den Kinos
laufende Spielfilm "Ein mutiger Weg" über die Entführung und Ermordung
eines amerikanischen Journalisten und seine mutige Ehefrau bauen wie
selbstverständlich originäres Dokumentarfilmmaterial in die
Spielfilmhandlung ein. Das Zeitalter, wo die Realität die Fiktion an
unvorstellbarem überholt und jede menschliche Fantasie in den Schatten
stellt, hat 2001 mit den Terroranschlägen des September 11 endgültig
begonnen und setzt sich in einer Reihe von aktuell beim Filmfestival in
Venedig oder beim Tribeca Filmfestival gezeigten Filme über den
Irakkrieg fort. Ein gutes Beispiel hierfür ist Brian de Palmas in
Venedig ausgezeichneter Film "Redacted". Aber auch reine
Dokumentarfilme wie der oscarprämierte Film von Al Gore "Eine unbequeme
Wahrheit" verwenden fast ausschließlich dokumentarisches Fremdmaterial
und werden so, sagen wir mal, zu einem dokumentarischen
"Kompilationsfilm".
Eine besonders beliebte Gattung der Dokumentarfilme im Kino sind also und unverkennbar Filme mit politisch-gesellschaftlichem Hintergrund, wenn der politische Anlass nicht sogar den Kern des Inhalts bildet. Bekanntester zeitgenössischer Vertreter ist sicherlich Michael Moore, der mit seinen gesellschaftskritischen Filmen wie "Bowling for Columbine" über die Kritik an der öffentlichen Zugänglichkeit und dem eitlen Umgang mit Schusswaffen in USA über "Fahrenheit 9/11" (Mehr als 100 Mio. $ Kinoeinspiel in den USA) und den Folgen der Sicherheitspolitik nach dem Terroranschlag gegen das World Trade Center in New York 2001 hin zu einem aktuellen Thema der amerikanischen im Vergleich zu globaler Gesundheitspolitik. Hillary Clinton verkündete soeben als amerikanische Präsidentschaftskandidatin im Falle ihres Wahlsiegs die "Krankenversicherung für Alle" wieder auf die Tagesordnung setzen zu wollen, ein Thema mit dem sie unter Präsident Clinton vor 15 Jahren zunächst furios gestartet, dann aber massiv gescheitert war.
In seinem neuesten Film "Sicko", den wir im Rahmen des Medienmittwochs in voller Länge als deutsche Uraufführung zeigen, setzt sich Michael Moore genau mit diesem Thema, der haarsträubenden Gesundheitspolitik in den USA, aber auch in Europa mit seinem gewohnten, bisweilen pechschwarzen Humor und Sarkasmus auseinander und so könnte dem Betrachter auf sehr unterhaltsame Weise ein Licht aufgehen über ein ansonsten trockenes Thema, das bisweilen eher dröge die Schlagzeilen der Tagesthemen gestaltet.
Nicht verschwiegen werden soll hier die Tatsache, das auch der Megastar der Dokumentarfilmeszene Michael Moore durchaus in der öffentlichen Kritik steht und sogar ein Dokumentarfilm darüber entstand, mit welchen Methoden Moore arbeitet, um seine Dokufilme zustande zu bringen. Darum soll es in dieser Veranstaltung aber nicht gehen. Wir wollen vielmehr Lust machen sich auf aufregende Dokumentarfilmproduktionen im Filmtheater einzulassen, auch wenn kein millionenschweres Marketingbudget zum Kinobesuch bläst.