Presseclipping
29.01.2004 | Frankfurter Allgemeine Zeitung
"Regionalwerkstatt"
Von "Brainhatten" bis zur Fusion von Kickers und Eintracht
Visionen waren gefragt. Und bei den rund 500 Teilnehmern der "Regionalwerkstatt Frankfurt/Rhein-Main" sprudelten nur so die Ideen, wie die Rhein-Main-Region 2020 aussehen könnte: Sessellifte zwischen den Frankfurter Hochhäusern, ein Binnenmeer, damit mediterranes Lebensgefühl einkehren kann - scherzhaft vorgeschlagen für die Stelle, wo heute Offenbach ist -, einen TÜV für Regionalpolitiker, die Fusion von Eintracht Frankfurt mit Kickers Offenbach zu einem Verein, der die Champions-League gewinnt.
Doch auch Realistischeres wurde am Mittwoch abend in den Räumen der Frankfurter Industrie- und Handelskammer angeregt, so die Weiterentwicklung des Wissenschaftsstandorts Rhein-Main zu "Brainhatten", die Abschaffung der Landkreise, eine Regionalstiftung Kultur und der flächendeckende Ausbau der internationalen Schulen, da die Region bis 2020 zum internationalen Schmelztiegel geworden ist, zum Zentrum der Weltkulturen. So phantastisch viele Ideen klingen mögen - schließlich war die Vorgabe, weder an die Finanzierbarkeit noch an die Machbarkeit zu denken - so überzeugt sind die Veranstalter der Regionalwerkstatt, in den nächsten Wochen aus den mehreren hundert Entwürfen konkrete Vorschläge zu erarbeiten und diese in absehbarer Zeit mit den bisherigen Teilnehmern zu verwirklichen.
Anlaß des munteren Ideenspiels war der Appell von Fred Irwin, Präsident der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer, bei einer Veranstaltung der Wirtschaftsinitiative Metropolitana Frankfurt/Rhein-Main und dem Medienmittwoch im November des vergangenen Jahres, die Bürger sollten die Metropolregion selbst bauen, da die Politik nicht agiere. "Gründen sie doch eine Bürgerinitiative", hatte er geraten - und 250 Besucher hatten sich spontan bereit gefunden, dabei mitzumachen. An diesem Mittwoch folgten sogar mehr als 500 der Einladung der Wirtschaftsinitiative und des Medienmittwochs.
"Ich bin in ganz euphorischer Stimmung", sagte der Präsident der Wirtschaftsinitiative, Fraport-Chef Wilhelm Bender. Nicht nur weil er ein "Überzeugungs-Regionalist" sei, sondern auch, weil die Positionierung des Rhein-Main-Gebiets als handlungsfähiger Region ein wichtiges, emotionales und ausgesprochen wirtschaftliches Thema sei. Schließlich müsse die Region noch einiges tun, um unter den Top Ten der großen Wirtschaftsräume zu bleiben. Das Engagement der Bürger sei der richtige Weg, um der Politik Hilfestellung zu leisten. "So sollte es auch von der Politik begriffen werden und nicht als Affront", sagte Bender. Es sei in einer Demokratie "ja nicht systemwidrig, wenn Bürger etwas selbst in die Hand nehmen".
Auch die Wirtschaft könne nicht Politikersatz sein, sagte Bender weiter. Die Wirtschaftsinitiative werde sich nicht an den derzeitigen "Modellspielchen" der Politik beteiligen. Dennoch hoffe er, daß die Politik allmählich dem folge, was die Bürger längst lebten: keine virtuelle, sondern eine ganz konkrete Rhein-Main-Region.
Wie Rhein-Main 2020 aussehen könnte, dazu stellte auch Wirtschaftsinitiativen-Geschäftsführer Heinz-Jürgen Weiss seine Ideen vor: Ausrichter der Frauenfußball-Weltmeisterschaft, da Frankfurt/Rhein-Main zum Brasilien des Frauenfußballs geworden sei; die "Metropolitan Opera Frankfurt/Rhein-Main" feiere Erfolge, weil sich alle Opern- und Konzerthäuser zusammengeschlossen hätten. Und: Die Region sei frei von Verkehrsstaus, denn Hochschulen, Raumfahrtzentrum, Entwicklungsingenieure des Automobilbaus, Fluglotsen und Verkehrsplaner hätten gemeinsam die dazu notwendige Software entwickelt.
Daß es an Ideen und Einfällen für die Region nicht mangelt, zeigten die Workshops der Regionalwerkstatt und der DMG - Die Marketing Gesellschaft, die die Ideensammlung und die nun beginnende Auswertung übernommen hat. "Es soll nicht beim Ideenfinden bleiben", betonte DMG-Geschäftsführer Frank Winkler, der nach eigenen Angaben über Erfahrungen bei der Bürgerbeteiligung verfügt. Vieles könne auch ohne Politik und Verwaltung verwirklicht werden. In "Umsetzungsforen" sollen die Ideenentwürfe aus den fünf Arbeitsgruppen, die am Mittwoch getagt hatten, weiterentwickelt werden. Die Gruppen hatten sich zu den Themen Wirtschaft, Stadtentwicklung, Sport, Kultur und Kommunikation gebildet und waren jeweils von einem Paten unterstützt worden, zu denen unter anderem der Frankfurter Stadtplaner Jochem Jourdan, IHK-Präsident Wolf Klinz und Städeldirektor Herbert Beck, aber auch Hürdenläufer Edgar Itt zählten.
Ohnehin hat das große Interesse der Bürger an der Weiterentwicklung der Region bei vielen Erstaunen auslöste. Für Joerg Weber, Mitinitiator des Medienmittwochs, ist das hingegen nicht überraschend: Die Menschen arbeiteten in Frankfurt, Eschborn oder Wiesbaden, wohnten im Taunus, an der Bergstraße oder in der Wetterau und erwarteten, daß ihre Bedürfnisse in dieser Region befriedigt würden. Wenn jedoch der Eindruck vorhanden sei, die Politik unternehme dafür zu wenig, sei es das legitime Recht oder vielleicht sogar die Pflicht, aktiv und kreativ zu werden. Und genau das haben die rund 500 Teilnehmer am Mittwoch abend unter Beweis gestellt.



